Auswanderer-Guide: Marketing im Korean-Style

Tipps zum erfolgreichen Start eures Unternehmens im Land der Technologie

Ja, die EU hat Artikel 13 zugestimmt! Darum erklären wir euch im Folgenden noch einmal …

Nein, keine Angst.

Sogar wir haben inzwischen genug davon, uns über die Versuche der Europäischen Union zur Zensur des Internets aufzuregen. Aber für diejenigen, die sich überlegen diesen Kontinent zu verlassen und in einem Land zu leben, in dem anders gedacht wird, unternehmen wir diese Woche einen kleinen Ausflug in die bunte Welt von Südkoreas Hauptstadt Seoul.
Spezifischer gesagt: ins Marketing in einer asiatischen Großstadt mit über 10 Millionen Einwohnern. Denn wenn ihr euer neues Geschäft in Korea eröffnet, muss natürlich alles weiterhin gut vermarktet werden. Das Problem ist nur, was ihr bisher tut wird dort wahrscheinlich so effektiv sein wie tausende leere Blätter Papier an Laternenpfosten zu heften.
Das liegt schon einmal daran, dass wir im deutschsprachigen Raum selten mit Städten über 3 Millionen Einwohnern konfrontiert werden.
Und selbst das so weltgewandte Berlin wirkt im Vergleich zu Seoul eher wie ein kleiner Vorort mit wenig Attraktionen. Aber auch wenn eine Stadt bei uns so gewaltig wäre, hätte sie sicherlich nicht den gleichen Flair wie in Asien. Läuft man beispielsweise durch den angesagten Stadtteil Dongdaeum, der unter anderem den größten Markt Koreas beherbergt, wird einem bewusst, dass herkömmliches Marketing hier kaum eine Chance hat.

Unzählige Leuchttafeln erhellen die Straße mit ihren bunten Animationen, blinkenden Lichtern und kreischenden Farben. Dazu läuft überall Musik. Meist populäre Songs, die den Einkaufsbummel zu einem für uns ungewohnten Erlebnis für alle Sinne machen.
Einzelne Reklametafeln verschmelzen mit der Menge und selbst solche, welche man lesen kann, erregen keine große Aufmerksamkeit. Es wirkt fast wie ein Gesamtkunstwerk. Um hier herauszustechen, muss man schwere Geschütze auffahren. Sehr schwere um genau zu sein!

Tief in die Tasche greifen

Ja, fangt schon einmal das sparen an. Denn eine der wichtigsten Marketing-Methoden in Südkorea ist das Werben mit Prominenten. Korea teilt sich mit Japan die Spitze der Länder mit der höchsten Star-Quote in der Werbung (zumindest laut einer Untersuchung der Millward Brown Agentur vor wenigen Jahren). Im Fernsehen werden 40 % der Spots von (meist lokalen) Celebrities unterstützt. Zum Vergleich: In den USA sind es 10 %! Und nicht nur im Fernsehen. Wer sich in der Welt der koreanischen Influencer und Promis etwas auskennt, der wird beim durch die Straßen Laufen viele bekannte Gesichter im Großformat finden.
Während man in der westlichen Welt das Gefühl hat, dass die Promis zwar Geld mit ihren Werbedeals verdienen aber sich dennoch selten für alles Hergeben, läuft das in Korea ganz anders.
Die größten Stars des Landes, die international erfolgreiche K-Pop-Gruppe BTS, wirbt nicht nur für Coca Cola und Puma, sondern auch für Hautpflege, Apps, Duty Free Shopping oder sogar Banken! Was Geld bringt, wird gemacht, so scheint es zumindest. Aber keiner verurteilt das in Asien.
Aber keine Angst, ihr braucht nicht den Wert eures Unternehmens für 2 Minuten mit BTS ausgeben. Ein kleiner Influencer mit ein paar hundert Millionen Abonnenten sollte mehr als genug sein 😉

„Just go for it“

So könnte man eigentlich alle Marketing-Bemühungen in Korea betiteln. Auch beliebt sind sogenannten „Doumi“. Dabei handelt es sich um sehr sehr attraktive junge Models, die ihr vor eurem Laden platziert und dafür bezahlt, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen. Egal ob tanzen, singen, Kunden ansprechen, mit diesen netten Damen und Herren vor eurem Geschäft lockt ihr garantiert einige Leute hinein.
Dabei gilt es, gleich einen weiteren Faktor zu besichtigen: Sex sells. Während wir Europäer (zu Recht!) versuchen, uns immer mehr von diesem Slogan zu entfernen, können die scheinbar prüden Koreaner kaum genug bekommen. Vor allem leicht bekleidete Damen mit (nach asiatische Standards) perfekten Körpern, sind extrem beliebt.
Der Clou: Es ist vollkommen egal, was ihr verkauft. Das möchten wir gar nicht weiter ausführen, sondern nur diese Werbung für ein Fertig-Nudelgericht verlinken:

Google who?

Jap, das auch noch. Nicht einmal eure perfekt auf Google-Algorithmen abgestimmten Websites haben noch einen Wert. Denn der Internet-Gigant ist in Korea so gut wie bedeutungslos. Je nach Quelle liegt der Marktanteil zwischen 2 und 10 %! Aber leider spielt die Online-Welt in Asien eine genau so große Rolle wie bei uns. Das bedeutet alle Google-Kampagnen deaktivieren, die Website auf Null setzen und alles nach dem Platzhirsch in Korea ausrichten: „Naver“. (Man beachte die erneut sehr aggressive Werbung beim Aufrufen der Seite.)

Ein Zauberwort heißt: Multichannel Marketing. Denn die Suchmaschine listet Treffer nach Gruppen auf. Also: Blogs, Website, Videos, Social Media. Um Aufmerksamkeit zu erlangen, sollte man demnach bei möglichst allen Gruppen vertreten sein, das erhöht die Chancen auf ein gutes Ranking.
Auch das bei uns beliebte Verlinken verschiedener Websites hat hier wenig Wirkung. Aus SEO-Sicht wertet „Naver“ nur Links, die auf von der Suchmaschine betriebene Seiten verweisen. Bei der zweitgrößten Suchmaschine „Daum“ haben Links, die auf ausländische Seiten verweisen, scheinbar gar keine Bedeutung.
Ach ja und ohne bezahlte Ads werdet ihr hier auch kaum etwas erreichen. Google begrenzt ja bekannterweise die Werbeanzeigen auf der ersten Seite und gibt auch den natürlich gerankten Seiten eine Chance. In Korea kann es schon einmal vorkommen, dass mehrere Seiten nur aus gesponserten Anzeigen bestehen. Damit geht ihr ganz schnell verloren, wenn ihr nicht einiges an Geld zu investiveren bereit seid.

Unendliche Weiten …

Es klingt fast wie aus einer anderen Welt oder? Ist es ja auch irgendwie. Natürlich gäbe es noch so viel mehr über die Marketing-Methoden in Korea oder allgemein asiatischen Ländern zu erzählen. Aber damit könnte man ganze Bücher füllen. Wir hoffen, dass wir euch zumindest ein wenig Starthilfe für euer neues Leben in Korea, weg von der EU, geben konnten. Und wenn eure Werbung gar keinen Erfolg haben sollte, dann einfach doch ein paar mehr „Won“ für eine K-Pop-Gruppe ausgeben. Denn das zieht einfach immer!

Veröffentlicht: 29.03.2019

Autor: Philipp Böhm – Unser Experte für Social.Text.Neuland