Warum Unternehmer:innen heute auch Influencer:innen sein müssen

Eine Frau sitz mit einem Notizbuch vor einem Smartphone das in ein Ringlicht gespannt ist

Auf den Beruf der Influencer:innen wird häufig herabgeschaut. Besonders von etablierten Unternehmer:innen, aber auch von jenen, die gerade erst anfangen, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Schließlich wird dort richtig gearbeitet, ein echter Mehrwert geschaffen, Arbeitsplätze entstehen, Wertschöpfung findet statt. Ein Unternehmen zu gründen und zu führen gilt in den Augen vieler in Deutschland als deutlich bedeutender, als sich eine starke persönliche Marke auf Social Media aufzubauen.

Hinzu kommt ein kultureller Faktor: In Deutschland mögen wir es nicht, wenn Menschen dafür bekannt sind, bekannt zu sein. Es widerstrebt uns zutiefst, dass jemand mit scheinbar wenig Aufwand große Reichweite, Einfluss und Einkommen erzielt. Dieses Unbehagen ist keineswegs neu. Lange vor Instagram wurde darüber diskutiert. Die Kardashians waren wohl eines der ersten prominenten Beispiele, die sich diesen Vorwürfen stellen mussten: „nutzlos“, „oberflächlich“, „ohne gesellschaftlichen Beitrag“. Und trotzdem erfolgreich, reich und einflussreich. Für viele ist das schlicht unverschämt.

1. Zwei Welten, ein Urteil

Damit scheint die Rollenverteilung klar:

Hier die Unternehmer:innen mit ihren vermeintlich wichtigen Beiträgen für Gesellschaft und Wirtschaft.

Dort die Influencer:innen, die unsere Zeit verschwenden.

Doch was, wenn diese Trennung längst nicht mehr existiert?

Was, wenn es gar keine klare Linie mehr zwischen diesen beiden Rollen gibt?

Und was, wenn Unternehmer:innen heute selbst zu Influencer:innen werden müssen?

2. Marke schlägt Produkt

Gerade im B2C-Bereich (also beim Verkauf von Produkten an Endkund:innen) aber auch im B2B, ist eine starke Marke eines der wichtigsten Kauf- und Verkaufsargumente. Entscheidungen werden längst nicht mehr ausschließlich rational getroffen. Vertrauen, Sympathie, Wiedererkennbarkeit und Haltung spielen eine immer größere Rolle.

Über viele Jahre hinweg reichte dafür eine gut gestaltete Website, solides Storytelling, durchdachte Werbemittel und eine starke Kampagne. Doch mit jedem Jahr verlieren Hochglanzbroschüren, Großflächenplakate und anonyme Markenauftritte weiter an Wirkung. Kund:innen interessieren sich weniger für perfekte Bilder und mehr für echte Geschichten. Vor allem aber interessieren sie sich für die Menschen hinter dem Unternehmen.

3. Menschen kaufen von Menschen

Wer trifft Entscheidungen?

Wofür steht dieses Unternehmen wirklich?

Wie denkt die Person, die dahintersteht?

Genau hier liegt die Stärke von Influencer:innen. Sie haben es perfektioniert, auf Augenhöhe zu kommunizieren, Nähe herzustellen und Vertrauen aufzubauen. Nicht über perfekte Inszenierung, sondern über Persönlichkeit, Haltung und Wiederholung. Sie schaffen Verbindungen auf menschlicher Ebene.

Und genau diese Fähigkeit wird für Unternehmer:innen immer relevanter.

Nicht, um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sondern um dem Unternehmen ein Gesicht zu geben.

Nicht, um Reichweite um der Reichweite willen aufzubauen, sondern um Vertrauen aufzubauen, bevor der erste Kontakt, das erste Gespräch oder der erste Kauf überhaupt stattfindet.

4. Sichtbarkeit ohne Selbstdarstellung

Die Frage ist also nicht mehr, ob Influencer:innen einen Mehrwert schaffen.

Die eigentliche Frage lautet: Können Marken ohne Menschen im Vordergrund heute überhaupt noch wahrgenommen werden? 

Unternehmer:innen müssen dafür keine TikTok-Tänze lernen oder ihr Privatleben öffentlich ausschlachten. Es geht nicht um Selbstdarstellung, sondern um Einordnung. Wer teilt, wie Entscheidungen entstehen, warum bestimmte Wege gewählt werden und welche Werte dabei eine Rolle spielen, macht das eigene Handeln nachvollziehbar. Ein:e Unternehmer:in, der oder die offen über Herausforderungen, Fehler und Learnings spricht, wird nicht schwächer wahrgenommen, sondern glaubwürdiger. Sichtbarkeit entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Konsistenz und Ehrlichkeit.

Expertise ist kein Geheimnis, sondern ein Asset

Dabei ist der erste Schritt oft der schwerste: die eigene Expertise nicht als selbstverständlich abzutun. Was intern tägliche Routine ist, kann für Außenstehende hochrelevant sein. Prozesse, Denkweisen, Branchenwissen oder auch persönliche Perspektiven auf Marktveränderungen. All das sind Inhalte, die Vertrauen aufbauen und Mehrwert schaffen. Influencer:innen haben verstanden, dass Wissen geteilt werden muss, um Wirkung zu entfalten. Unternehmer:innen dürfen sich erlauben, genau das Gleiche zu tun.

5. Haltung statt Hype

Am Ende geht es um Haltung. Wer als Unternehmer:in sichtbar wird, positioniert sich automatisch für Themen, für Werte, für eine Art zu arbeiten. Diese Klarheit zieht Menschen an: Kund:innen, Mitarbeitende, Partner:innen. Reichweite ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Nebenprodukt von Relevanz. Influencer:in zu sein bedeutet in diesem Kontext nicht, berühmt zu werden, sondern greifbar zu sein.

6. Inspiration statt Abwertung

Vielleicht sollten wir also aufhören, die eine Arbeit als wichtiger zu betrachten als die andere. Unternehmer:innen und Influencer:innen verfolgen die selben Ziele: Sie bauen Vertrauen auf, schaffen Orientierung und prägen Wahrnehmung. Statt uns von Erfolgen anderer provozieren zu lassen, könnten wir beginnen, uns inspirieren zu lassen. Denn oft liegt genau dort der Impuls, den wir brauchen, um selbst weiterzukommen.